Die Bibel, ein Tagebuch und sonst nichts. So sieht die persönliche «Fastenzeit» aus, die Susanne Röthlisberger einmal jährlich einlegt. Während drei bis fünf Tagen mietet die Hägendörferin in der Schweiz oder Süddeutschland ein Zimmer respektive eine kleine Ferienwohnung, wo sie ungestört ist. Fernseher, Computer, Smartphone und andere digitalen Geräte sind in dieser Zeit tabu oder besser gesagt, Susanne Röthlisberger will nichts von ihnen wissen. Und sie führt auch keine Gespräche, will sich ganz auf sich fokussieren. «Ich denke viel nach, reflektiere meine Tagebucheinträge und spüre in mich hinein. So merke ich, wie es mir geht, was mich allenfalls belastet und was ich brauche.»
Weichen im Leben gestellt
Die Abstinenz von den immerzu lockenden Vorgängen in der virtuellen Welt und den Kontakten mit anderen Menschen täten ihr zum einen gut. Zum anderen würden sie helfen, «die Dinge zu sortieren und Lösungen für die Probleme zu finden, vor denen ich stehe», wie sich Susanne Röthlisberger ausdrückt.
Die Verfassung, in der sie sich zu Beginn der «Fastentage» häufig wahrnimmt, umschreibt Susanne Röthlisberger mit einem Auszug aus Psalm 42 der Bibel: «Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?» In der Ruhe und im Hören auf Gott, ohne abgelenkt zu werden, finde sie immer zu neuen Erkenntnissen. «Schon einige Male sind in einer Auszeit wichtige Weichen für mein Leben gestellt worden.» So entschied sich Susanne Röthlisberger zum Beispiel vor knapp 15 Jahren in einer Phase starker beruflicher Belastung, ihre eigene Praxis für Physiotherapie, Coaching und Seelsorge zu gründen. Obwohl inzwischen pensioniert, führt sie die Praxis noch immer, wenn auch mit reduziertem Pensum.
Verbindung zu Gott erneuern
Die «Fastenzeit» ermöglicht Susanne Röthlisberger aber auch jedes Mal, ihre Verbindung zu Gott zu erneuern. «Ich kann im Gebet Belastendes abgeben und mich Jesus anvertrauen.» Die Bibel, die sie bei sich hat, gibt ihr die Anregungen dazu. Ihrem Tagebuch vertraut sie die Erfahrungen und Erkenntnisse während der Auszeit an. Zudem geht sie regemässig spazieren, damit neben dem Geist auch der Körper auf seine Rechnung kommt.
Begonnen mit der Auszeit von äusseren Einflüssen hat Susanne Röthlisberger vor über 40 Jahren. An einem kirchlichen Wochenende, das unter dem Titel «Stille Tage» stand. Dort habe sie die Kraft der Worte aus der Bibel und die Wirkung von Zeit, die ein Mensch auf sich selbst zurückgezogen und in Verbindung mit Gott verbringe, kennen und schätzen gelernt. «Es war für mich eine andere Form von Spiritualität, die mich angesprochen hat.» In Kombination mit seelsorgerischen Gesprächen, die ein Pfarrer angeboten habe, hätten ihr die Tage in Ruhe und Kontemplation damals aus einer Lebenskrise geholfen, bekennt Susanne Röthlisberger.
Nicht an Jahreszeit gebunden
Im Gegensatz zur Fastenzeit ist die Auszeit von Susanne Röthlisberger nicht an eine Jahreszeit gebunden. «Ich nehme mir die Zeit immer dann, wenn ich spüre, dass ich sie brauche.» Für 2026 hat sie ihre «Fastenzeit» noch nicht angesetzt. Wie reagiert ihr persönliches Umfeld, wenn Susanne Röthlisberger wieder für einige Tage offline geht? «Meine Leute haben sich daran gewöhnt, dass ich nicht erreichbar bin», erklärt sie und fügt schmunzelnd an: «Die wenigsten könnten sich vorstellen, so lange nur mit sich selbst beschäftigt zu sein.»
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Fastenzeit: bewusster Verzicht
Die diesjährige Fastenzeit dauert vom 18. Februar bis am Karsamstag, 4. April. Die 40 Tage gelten traditionell als Zeit des bewussten Verzichts. Fasten lässt sich auf verschiedene Weise. Besonders verbreitet ist das Heilfasten, bei dem über mehrere Tage auf feste Nahrung verzichtet wird. Fasten kann man allein oder in Fastengruppen. Teilweise nehmen Menschen dafür Ferien, gönnen sich Ruhe und Entspannung, konzentrieren sich aufs Fasten und die Vorgänge im eigenen Körper.
Die Fastenzeit ist aber auch eine Einladung, sich in diesem Rahmen auf die Grundlagen des christlichen Glaubens zu besinnen und die Verbindung zu Gott zu erneuern. Die ökumenische Kampagne 2026 steht in der Schweiz unter dem Motto «Zukunft säen».
Veranstaltungen in unserer Kirchgemeinde während der Fastenzeit:
» Olten: Ökumenischer Gottesdienst
» Trimbach: Ökumenischer Gottesdienst
» Hägendorf: Ökumenischer Suppentag
» Dulliken: Fastenwoche