Daniel Göring

Am Ort des Grauens

Natzweiler (Foto: Daniel Göring)

Ein Konzentrationslager als Anschauungsobjekt im Religionsunterricht: Der Dulliker Pfarrer Sascha Thiel besuchte mit Jugendlichen das Lager Natzweiler-Struthof.
Daniel Göring
Der Himmel ist verhangen, die Sonne scheint milchig durch die dünne, grauweisse Wolkenschicht. Eine kühle Böe fegt zwischen der Baracke und dem Wachturm hindurch. Die Atmosphäre hat etwas Gespenstisches, scheint sich an den Ort anzupassen, das ehemalige Konzentrationslager Nazideutschlands in Natzweiler-Struthof im Elsass.

Auf dem rötlichen Schotterplatz steht Sascha Thiel, vor sich eine Schar von 40 Personen, hinter sich den einfach gezimmerten Galgen aus Holz. Der Dulliker Pfarrer erklärt, wie das Henkersgerät funktionierte, wer damit umgebracht wurde und warum erhängte Häftlinge dort eine Woche lang baumeln gelassen wurden – alleiniger Zweck war die Abschreckung.

Anderes Gottesbild entwickeln

Der Besuch im Konzentrationslager Natzweiler-Struthof ist eines von rund 30 Modulen im Religionsunterricht der Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde Region Olten, zwischen denen Schülerinnen und Schüler der Oberstufe wählen können. 22 Jugendliche haben sich entschieden, den Ort des Grauens, an dem Menschen systematisch entmenschlicht und vernichtet wurden, mit eigenen Augen sehen zu wollen. Die meisten haben eine Begleitperson an ihrer Seite, mehrheitlich ist es die Mutter oder der Vater.

«Die Eindrücke sollen den Jugendlichen bewusst machen, dass auch ein Konzentrationslager mit ihrer Spiritualität zusammenhängt», nennt Sascha Thiel einen Grund, warum er die Reise ins Elsass organisiert hat. Für ihn haben die Kirchen nach den Weltkriegen an der Aufgabe versagt, ein realistisches Gottesbild zu entwickeln.

«Es gibt keinen Gott, der Millionen Menschen in Folter und Gaskammern gehen lässt, aber dem kleinen Peter hilft, eine gute Klassenarbeit zu schreiben, wenn er am Vorabend darum bittet», erklärt der Pfarrer. Wollten sie den Zeichen der Zeit und der wissenschaftlichen Theologie entsprechen, müssten die Kirchen endlich zu nicht personalen Gottesbildern kommen, folgert Thiel.

Sieben Schweizer inhaftiert

Von den 15 Baracken, in denen die Häftlinge untergebracht waren, misshandelt, gefoltert, getötet und zu Asche verbrannt wurden, sind vier erhalten geblieben. In der ersten erleben Besucherinnen und Besucher, wie die Menschen zusammengepfercht auf primitiven dreistöckigen Holzpritschen die Nächte verbringen und sich tagsüber zu Tode schuften mussten – zuerst in einem Steinbruch, um Granit abzubauen, später in der deutschen Rüstungsindustrie. Die Ausstellung gibt auch Einblick in die Systematik, mit denen die Nazis die Gefangenen einteilten und kennzeichneten. Es gab «Abzeichen» für politische Häftlinge, Verbrecher, Angehörige der Zeugen Jehovas, Homosexuelle und Juden.

Ins Lager Natzweiler-Struthof steckten die Nazis hauptsächlich Widerstandskämpfer, Kriegsgefangene und Oppositionelle. Frauen befanden sich nur wenige darunter. Neben Polen bildeten Russen und Franzosen die grössten Gruppen. Die offizielle Statistik führt auch sieben Schweizer auf, die dort inhaftiert waren. Von den 52'000 Menschen, die in Natzweiler-Struthof und seinen Aussenlagern einsassen, überlebten 17'000 das Martyrium nicht.

Kontrast zur Schönheit der Natur

Während des Rundgangs weist Sascha Thiel die Jugendlichen und ihre Angehörigen auch auf den Kontrast hin zwischen dem Lager, in dem Schrecken und Horror geherrscht hatten, und der Schönheit der Natur. Sie hat mit dem Lauf der Zeit ihren Raum bis an den Stacheldrahtzaun heran zurückerobert und viele Narben überdeckt. Es ist ein Gegensatz, der mit den Augen von Besuchenden nur schwer auszuhalten ist.

Den Eindruck bestätigen die Jugendlichen, die bereit sind, direkt ausserhalb der Anlage über ihre Gefühle zu sprechen. Luan bekennt, das Gesehene als verstörend empfunden zu haben, und Maeve hat sich immer wieder gefragt, woraus die Insassen in einem so grausamen Umfeld Hoffnung geschöpft haben, dass das Leiden eines Tages vielleicht doch ein gutes Ende haben könnte.

Das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof ist dienstags bis sonntags von 9 bis 18.30 Uhr zugänglich. Vom 1. September bis 23. Dezember 2026 erfolgt die Schliessung eine Stunde früher. Vom 24. Dezember 2026 bis 31. Januar 2027 ist die Anlage geschlossen.
Weitere Informationen unter » www.struthof.fr/de/

Bereitgestellt: 27.05.2026     Besuche: 13 heute, 49 Monat 
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