Die letzte Begleitung
Marlis Schöni begleitet Menschen an ihrem Lebensende. Sie kann damit Trost spenden und verhindern, dass jemand einsam sterben muss. Die Einsätze erlebt sie als bereichernd für sich selbst.
Daniel Göring
Marlis Schöni sitzt auf einem Stuhl neben dem Bett einer betagten Frau im Pflegeheim. Es handelt sich um eine Bekannte, die am Ende ihres Lebenswegs angelangt ist. Die Frau ist nicht mehr in der Lage, sich mit Worten auszudrücken, und sie scheint bereit, demnächst zu gehen. Im Gegensatz dazu trinkt sie noch immer regelmässig, was darauf hindeutet, dass sie noch nicht ganz mit dem Leben abgeschlossen hat. Auf einmal durchfährt Marlis Schöni ein Geistesblitz.
Sie erinnert sich, wie die Bekannte ihr vor Jahren von einem Fall erzählte, bei dem eine schwerkranke Patientin verdurstet sei, weil niemand mehr ihr Flüssigkeit zugeführt habe. Marlis Schöni legt der Bekannten die Hand auf den Arm und sagt zu ihr: «Du darfst loslassen und musst nicht Angst haben, dass du verdursten wirst.» In der folgenden Nacht stirbt die Frau.
Unentgeltliches Angebot
Die Erfahrung mit der Bekannten hat Marlis Schöni angerührt. Sie ist Begleiterin für Palliativ-Fälle, das heisst schwerkranke Menschen, die kurz vor dem Tod stehen. Seit 2014 steht die Hägendörferin Patientinnen und Patienten auf ihrem letzten Lebensabschnitt bei, hält nicht selten Sitzwachen in der Nacht, leistet ihnen aber auch mal den Tag hindurch während einiger Stunden Gesellschaft.
Die Palliativ-Begleitung ist ein unentgeltliches Angebot der Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde Region Olten, das Patientinnen und Patienten zu Hause, aber auch deren Angehörige in Anspruch nehmen können, um sich zwischendurch zu entlasten. Die Koordination der Einsätze erfolgt durch Palliative Care und -Begleitung der Aargauer Landeskirchen.
Kein Ersatz für die Spitex
Zwei bis sechs Begleitungen von sterbenden Menschen führt Marlis Schöni jährlich in der Regel durch. Neben ihr stehen in der Region Olten fünf weitere Frauen im Einsatz – allesamt Freiwillige. Am häufigsten wünschten Patientinnen und Patienten, dass die Begleiterin sich zu ihnen ans Bett setze, erklärt Marlis Schöni. «Oft wollen sie auch, dass wir ihre Hand halten, damit sie sich nicht alleingelassen fühlen.»
Die Begleiterin betet regelmässig im Stillen für die Person und erbittet so Gottes Ruhe für sie. Dies allerdings nur, wenn sie die Gewissheit habe, dass der Mensch für religiösen Beistand empfänglich sei. Der Wille einer sterbenden Person ist für Marlis Schöni unantastbar: «Ich tue immer nur das, was die Person möchte.» Könne sie nicht mehr sprechen, gelte es, ihre Bedürfnisse zu erspüren, erläutert die Palliativ-Begleiterin. Die jahrelange Erfahrung hat ihr geholfen, das entsprechende Sensorium zu verfeinern.
Wenn sie merke, dass der Patientin oder dem Patienten unwohl sei, bette sie die Person um, führt Marlis Schöni weiter aus. Auch gebe sie ihr Wasser zu trinken oder befeuchte die Lippen damit, wenn die Person nicht mehr schlucken könne. Nicht zu ihren Aufgaben gehören hingegen weitergehende pflegerische Dienstleistungen. «Wir sind keine Ersatz-Spitex», zieht die Palliativ-Begleiterin die Grenzlinie zwischen den beiden Tätigkeiten.
Menschen zeigen sich dankbar
Macht Marlis Schöni der Gedanke nicht zu schaffen, dass bei ihrem nächsten Einsatz ein Mensch sterben könnte? «Erstaunlicherweise habe ich keine Probleme damit», gibt die Palliativ-Begleiterin zur Antwort. Es sei im Gegenteil eine bereichernde Erfahrung, einer Person an ihrem Lebensende beistehen zu können. «Ich kann ihr Trost spenden und verhindern, dass jemand einsam sterben muss.» Zudem erfahre sie von den Patientinnen und Patienten immer wieder Zeichen des Dankes. «Das kann ein scheues Lächeln sein oder auch ein Händedruck», nennt Marlis Schöni zwei Beispiele. Nicht zuletzt zeigten sich die Angehörigen immer wieder dankbar für die Entlastung, die eine Palliativ-Begleitung ihnen bringe.
Auf den Weg als Palliativ-Begleiterin gebracht haben Marlis Schöni ihre Eltern. «Ich hatte das Privileg, dass ich in den letzten Tagen und Stunden bei meiner Mutter und meinem Vater sein durfte.» Sie habe es als tröstlich und entlastend empfunden, dass die beiden in Frieden aus dieser Welt hätten gehen dürfen.
Als sie einige Zeit später je ein Inserat sah, das Freiwillige für Palliativ-Begleitungen suchte respektive für die Ausbildung als Begleitperson warb, nahm Marlis Schöni dies als Wink des Schicksals. Sie absolvierte beim Roten Kreuz des Kantons Solothurn den Lehrgang in Palliative Care und schloss sich der Palliativ-Gruppe der Reformierten Kirchgemeinde an, welche die damalige Pfarrerin Katharina Fuhrer am Aufbauen war.
Tätigkeitsfeld ausweiten
Die Arbeit als Palliativ-Begleiterin erfüllt Marlis Schöni nach mehr als einem Jahrzehnt unverändert. Für Menschen da zu sein, gibt ihr mehr, als sie zu geben glaubt. Sie denkt denn auch daran, ihr Tätigkeitsfeld auszuweiten. «Ich plane, demnächst einen Kurs für die Begleitung von Demenzerkrankten zu besuchen.» Ein Feld, auf dem sich mit Blick auf die alternde Gesellschaft in den nächsten Jahren noch viel Arbeit auftun dürfte.
Anfragen für eine Palliativ-Begleitung können an das zuständige Pfarramt oder die Koordinationsstelle für Palliativ-Einsätze,, 062 838 06 55, gerichtet werden. Die Begleitungen sind kostenlos.