Daniel Göring

Den Soldaten als Mensch begegnen

Armeeseelsorger (Foto: Daniel Göring)

Von Beruf ist er Sozialdiakon im Untergäu, im Militär übt er die Funktion eines Armeeseelsorgers aus. Andreas Schindelholz gefällt, dass er den Soldaten als Mensch und nicht als Armeevertreter begegnen kann.
Daniel Göring
Eine Kolonne von Soldaten ist – mit Rucksack, Helm und Gewehr ausgerüstet – auf einem Feldweg in der Nähe von Wangen an der Aare unterwegs. Sie befinden sich auf dem 25-Kilometer-Marsch der Rekrutenschule der Rettungstruppen, die vor allem in der Katastrophenhilfe zum Einsatz kommen. An der Seite der angehenden Soldaten marschiert Andreas Schindelholz mit. Er trägt während einigen Kilometern den Rucksack und das Gewehr eines Rekruten, für den der Marsch eine Strapaze darstellt.

Bei der anschliessenden Verpflegung setzt sich der Rekrut zu ihm und stellt eine Frage zum Glauben. Es entsteht ein angeregter Austausch zwischen den beiden über Gottes Welt. Zum Schluss schenkt Andreas Schindelholz dem Rekruten eine Taschenbibel, die der junge Mann dankend annimmt.

Von Beziehungsproblemen bis Existenzfragen

Das Erlebnis ist charakteristisch für die Tätigkeit von Andreas Schindelholz. Als Armeeseelsorger gehören die Begleitung und Unterstützung von Offizieren, Unteroffizieren sowie Soldaten in persönlichen, geistlichen und sozialen Fragen zu seinen Aufgaben. 15 bis 25 Tage pro Jahr ist der Sozialdiakon, der beruflich im Sold der Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde Region Olten steht, auf dem Waffenplatz Wangen an der Aare anzutreffen. Als einer von sechs Armeeseelsorgern, die den Rettungstruppen zugeteilt sind, wird er gerufen, wenn ein Soldat ein offenes Ohr braucht oder ein Offizier eine Beratung im Umgang mit einem menschlich schwierigen Thema in der Truppe.

Die Gründe, weshalb ein Seelsorger auf Platz muss, sind vielfältig, wie Andreas Schindelholz ausführt. Sie reichen von panischer Angst eines Soldaten vor einer Schiessübung mit dem Gewehr bis hin zu Gewissensbissen, die einen Rekruten plagen, wenn er lernen soll, im Ernstfall andere Menschen zu töten. «Oft geht es um Themen, die keinen direkten Bezug zur Armee haben», erläutert Schindelholz. Beziehungsprobleme, finanzielle Sorgen oder grundsätzliche Glaubens- und Existenzfragen sind einige davon.

Zigarette mitrauchen

«Ich begegne den Soldaten nicht als Militär, sondern als Mensch», umschreibt Andreas Schindelholz den Ansatz, mit dem er in die Gespräche geht. Der Glaube diene ihm dabei als unverrückbares Fundament, aber auch die Liebe zu den Menschen sei wichtig. «Gerade im hierarchischen Umfeld des Militärs spüren die Soldaten, wenn ich mit ihnen von Mensch zu Mensch spreche, vorbehaltlos und offen, egal welchen Grad sie haben und aus welchen persönlichen Umständen sie kommen.»

Je nach Art und Ausprägung dauert ein Einsatz von Andreas Schindelholz zwei, drei Stunden, jedoch nie länger als ein Tag am Stück. Wird er nicht von der Truppe aufgeboten, kann der Armeeseelsorger auch selbst entscheiden, die Uniform anzuziehen und seiner Einheit kurzfristig einen Besuch abzustatten. «Dann suche ich das Gespräch mit den Soldaten oder sofern es zeitlich möglich ist, auch mal mit dem Kommandanten.» Und obwohl er eigentlich Nichtraucher sei, paffe er bisweilen eine Zigarette mit, die ihm die Soldaten anböten, ergänzt Andreas Schindelholz schmunzelnd. Der Zweck heiligt auch hier die Mittel…

Breite der Gesellschaft abbilden

Seit 2026 steht der Sozialdiakon aus dem Untergäu hin und wieder als Armeeseelsorger im Einsatz. Zuvor hatte er die dreimal eine Woche umfassende Ausbildung absolviert. Dabei konnte er seinen fachlichen Rucksack, der eine theologische Ausbildung enthielt, weiter befüllen, unter anderem mit Themen wie Notfallseelsorge oder Militärethik. All dies sei in einem überkonfessionellen und interreligiösen Kontext erfolgt, was Andreas Schindelholz besonders zugesagt hat: «Es ist schön, dass auch die Armeeseelsorge die Breite unserer Gesellschaft abbildet.»

Und wie kommt ein Sozialdiakon dazu, sich der Armeeseelsorge anzuschliessen? Gab es einen bestimmten Auslöser? Andreas Schindelholz schüttelt den Kopf. «Das ist eine längere Geschichte.» Er erzählt, dass ihm das Thema während Jahren immer wieder begegnet sei. In Diskussionen mit Berufskollegen, in den sozialen Medien, durch einstige Studienkollegen, die sich für den Dienst gemeldet hätten. «Wieso kommt die Sache ständig zu mir?» fragte sich Andreas Schindelholz und formulierte daraus ein stilles Gebet.

Zwei Tage später begegnete er auf offener Strasse einem Armeeseelsorger und kam mit ihm ins Gespräch. «Wir brauchen Leute wie Sie», sei dessen Konklusion gewesen. Er nahm Schindelholz’ Kontaktdaten auf. «Es dauerte zwei Tage, dann rief mich der Chef der Armeeseelsorge an», erinnert sich der Untergäuer Sozialdiakon mit heiterem Gesichtsausdruck. Ob darin die Überzeugung ruht, dass das Gebet Wirkung gezeigt hat, ist nicht auszumachen.

Durchhaltevermögen von Nutzen

Es ist unverkennbar: Die Rolle als Armeeseelsorger hat sich für Andreas Schindelholz zur Herzensaufgabe entwickelt. Was kann er aus seiner militärischen Funktion in die Arbeit für die Kirchgemeinde mitnehmen? Der Sozialdiakon muss nicht lange überlegen: «Das Durchhaltevermögen und die Bereitschaft, sich auf besondere Situationen einzustellen. Das kann ich auch im zivilen Leben bei der Kirchgemeinde gut gebrauchen.»
Bereitgestellt: 03.08.2026      
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