Tauchgang in die Stille
Barbara Dietz-Stilli liebt die Stille. Sie ermöglicht der Autorin aus Olten, zur Ruhe zu kommen und zu sich selbst zu finden. Die Stille hat ihr auch zu einem vertieften Zugang zu Gott verholfen.
Daniel Göring
«Stille ist ein Tauchgang in die Tiefe meines Lebens, eine Oase, um mitten im Alltag zur Ruhe und zu mir selbst zu kommen.» Der Satz, den Barbara Dietz-Stilli druckreif formuliert, bringt zweierlei zum Ausdruck: die Bedeutung, die sie der Stille beimisst, aber auch, dass sie über eine reiche Erfahrung im Umgang mit ihr verfügt. In einer Welt, die ständig lauter, umtriebiger und rastloser zu werden scheint, sehnen sich immer mehr Menschen nicht nur nach ein wenig Ruhe, sondern auch nach mehr Stille, einer verstärkten Absenz von unerwünschten Geräuschen und nach dem inneren Ankommen im Hier und Jetzt.
Im Moment sein
Barbara Dietz-Stilli kann das gut verstehen. Die in Olten wohnende Mittfünfzigerin hat seit gut 20 Jahren ein enges Verhältnis zur Stille und ist immer wieder beglückt von der Wirkung, die sie auf ihr Inneres hat. «Ich kann im Moment sein, ohne etwas denken zu müssen.» Die Stille ermöglicht ihr, vom Gedankenkarussell abzusteigen und von aussen zu betrachten, was sich da alles fortwährend um die eigene Achse dreht. Der veränderte Blickwinkel schafft die Ausgangslage, um eine Auslegeordnung zu machen, festzustellen, wohin es ihre Gedanken zieht und die Dinge entsprechend zu ordnen.
«Ich habe viel mehr Zeit / als ich denke / wenn ich still werde / und nichts tue /ausser da zu sein / Auf einmal werden Minuten / zu Stunden und Tage vergehen / wie ein Moment / Schöpfgänge / am Brunnen der Zukunft» – Barbara Dietz-Stilli*
Doch die Erlebnisse in der Stille gehen noch tiefer, wie Barbara Dietz-Stilli erzählt. «Es ist faszinierend, was passiert, wenn ich in die Stille gehe. Sie ermöglicht mir eine Begegnung mit mir selbst, aber ebenso mit einem Gegenüber, das ich nicht festmachen kann, das jedoch präsent ist. Ich nenne es Gott, ein Du, das grösser ist als ich selbst.» Dann sitze sie da und beobachte, ohne Einfluss zu nehmen, was daraus entstehe, so Barbara Dietz-Stilli.
In der Stille geht alles tiefer
Die Stille, sie ist immer da, und doch nehmen wir Menschen sie oft nicht wahr, hetzen an ihr vorüber in unserem Bestreben, zu erledigen, was wir glauben, erledigen zu müssen. Barbara Dietz-Stilli stiess auf die Stille, als sie sich eines Tages eine alternative Form von Beten wünschte. «Ich spürte eine Sehnsucht nach einem anderen Zugang und realisierte, dass mir dafür die Worte im Weg waren.» In der Stille, so ihre verblüffte Erfahrung, konnte sie mit allem tiefer gehen – auch in ihrem Gebet –, als dies mit Worten möglich gewesen war. Als gläubige Christin und Mitglied der Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde Region Olten sind ihr das Beten und die Verbundenheit mit Gott wichtige Stützen im Leben.
Die Stille hilft ihr aber auch anderweitig. Etwa, wenn es darum geht, die Spannung zu überbrücken, die sich in ihr drin aufgebaut hat zwischen zweckfreiem Sein und dem in unserer Gesellschaft verbreiteten Drang, fortwährend Leistung zu erbringen. «Ich bin ein aktiver, zielorientierter Mensch. Dank der Stille kann ich mein Tun, aber auch mich selbst immer wieder erden.»
Was sich einfach anhört, ist es jedoch zu Beginn mitnichten gewesen, wie Barbara Dietz-Stilli einräumt: «Als ich das erste Mal in die Stille ging, war es fast unheimlich. Ich merkte, wie leistungsgetrieben ich war, was in mir drin nicht still sein wollte und deshalb angegangen werden sollte. Darunter befanden sich auch Themen, die nicht nur angenehm waren.» Inzwischen kann Barbara Dietz-Stilli nach eigenen Aussagen selbst im grössten Trubel in die Stille und zu sich selbst finden. «Die Stille führt mich immer zu meiner Bedürftigkeit als Mensch.»
«Im Schweigen / finde ich manchmal /was ich sagen wollte / besser als Worte / Indem ich mich / in Gott verliere / finde ich mich / am besten wieder» – Barbara Dietz-Stilli*
Ein Buch über die Stille
Ihre Erkenntnisse im Umgang mit der Stille sind letztes Jahr in ein Buch geflossen. «Experiment Stille» heisst es und umfasst Gedichte sowie Impulse, die auf eigenen Erfahrungen, der Bibel und Zitaten von Persönlichkeiten aufbauen. Entstanden ist das Buch aus einem Wunsch heraus, den Barbara Dietz-Stilli vor 20 Jahren hatte: Eine Einführung ins Thema Stille zu erhalten. Sie wolle mit den Impulsen und Gedichten aufzeigen, dass es verschiedene Zugänge zur Stille gebe, erklärt die Autorin. «Die Wege in die Stille sind so vielfältig wie die Menschen, die sie gehen.»
Dann unterstreicht Barbara Dietz-Stilli noch etwas mit Nachdruck: «Stille ist keine Leere. Für mich stellt sie eine Vertiefung von Begegnung und Dialog dar, die ohne Worte auskommt.» Die Autorin erwähnt, dass sie und ihr Mann geraume Zeit schweigend auf dem Sofa sitzen und in der Stille gleichwohl ein Gespräch führen könnten. «Wenn wir ihr den Raum geben, ist die Stille ein fruchtbarer Ort für vielerlei Beziehungsgeschehen. Sie kann zum Treffpunkt werden für die Liebe – zwischen Menschen, aber auch zwischen Menschen und Gott.»
*«Experiment Stille» von Barbara Dietz-Stilli ist im Echter Verlag erschienen. Weitere Bücher mit Gedichten von Barbara Dietz-Stilli sind «Kontakt» und «Mit dem, was wir haben».