Daniel Göring

Rassismus-Falle: Wie wir nicht hineintappen

Anti-Rassismus-Tag (Foto: Sascha Thiel)

Einmal jährlich organisiert der Dulliker Pfarrer Sascha Thiel mit Partnern einen Anti-Rassismus-Tag. «Es gehört zur DNA des Christseins, sich für weniger Diskriminierung und mehr Teilhabe einzusetzen», begründet er sein Engagement.
Daniel Göring
Im Flur eines Spitals stehen zwei Frauen beieinander und besprechen den Gesundheitszustand eines Patienten. Beide tragen die Berufskleidung des Krankenhauses. Die eine ist weisser Hautfarbe und hat lange blonde Haare, die andere ist dunkelhäutig, etwas kleiner und trägt ihre schwarzen Haare kurz. Wer von ihnen ist die Ärztin und wer die Pflegende? Eine Person, die zufällig an den beiden Frauen vorbeigeht, sieht, ohne gross nachzudenken, in der weissen Frau die Ärztin – und liegt prompt daneben.

«Diese Folgerung ist typisch für rassistische Denkmuster, die wir in der Schweiz und in Europa verinnerlicht haben», erklärt der Dulliker Pfarrer Sascha Thiel. Er will mit dem Beispiel niemanden anschwärzen oder des Rassismus bezichtigen, sondern aufzeigen, wie Stereotypen über Ethnien und Nationen in unserer Gesellschaft noch immer verbreitet sind und unsere Überlegungen prägen. Aber nicht nur das: «Migrantinnen und Migranten, die als Freiwillige in unserem Kirchenkreis mitwirken, sind regelmässig mit Verhaltensformen konfrontiert, denen postkolonialistisches Denken zu Grunde liegt», ergänzt er.

Offenere Frage, offene Antwort

Seit 2023 versucht Sascha Thiel, mit einem jährlichen Anti-Rassismus-Tag im Frühling Gegensteuer zu geben. Ziel ist es, dass die Teilnehmenden lernen «achtsam auf Rassismus zu sein und sich in Alltagssituationen nichtdiskriminierend zu verhalten», wie es der Dulliker Pfarrer formuliert. Ein mögliches Beispiel für einen bedachteren Umgang mit zugewanderten Menschen liefert er gleich nach:

«Anstatt eine Person zu fragen, aus welchem Land sie stammt und sie damit unterschwellig in eine ethnische Schublade zu stecken, böte sich die unverfänglichere Frage an, ob die Familie der Person einen Migrationshintergrund hat.» Die offenere Frage bewirke in der Regel eine offene Antwort, woraus eine Diskussion entstehen könne, die auf einem ehrlichen Interesse an der Geschichte der Person aufbaue, so Sascha Thiel.

Zu Vernetzungsanlass geworden

Neben der Diskussion, was Rassismus ist und wie eine adäquate Reaktion darauf aussehen kann, erfahren die Teilnehmenden, wie sie Stereotypen in ihrem Denken erkennen und ihr Handeln so ausrichten können, dass es andere Menschen nicht auf ihre Herkunft oder Ethnie reduziert. «Wir bieten unter anderem die Möglichkeit, in Rollenspielen Handlungen einzustudieren und sich Personen aus anderen Kulturkreisen gegenüber nichtdiskriminierend zu verhalten», erklärt Sascha Thiel.

Mit «Wir» meint der Dulliker Pfarrer, dass neben der Evangelisch-Reformierten Kirche weitere Organisationen mithelfen, den Tag zu gestalten: das Schweizerische Rote Kreuz Kanton Solothurn, die Fachstelle Frabina für Paare aus unterschiedlichen Nationen und Kulturen sowie das Oltner Begegnungszentrum Cultibo. Die breite Koalition hat laut Sascha Thiel bewirkt, dass der Tag sich auch zu einem Vernetzungsanlass für Fachleute entwickelt hat, die bei ihrer Arbeit mit Migrantinnen und Migranten zu tun haben.

«Wir sind auf Partner angewiesen, wenn wir in der breiteren Gesellschaft etwas bewirken wollen», begründet der Pfarrer, der Migration als eines seiner Schwerpunktthemen bezeichnet, das Zusammenwirken mit anderen Organisationen. Sein Engagement leitet Sascha Thiel unter anderem aus dem Glauben ab: «Es gehört zur DNA des Christseins, dass wir versuchen, uns für weniger Diskriminierung und mehr Teilhabe einzusetzen.»
Bereitgestellt: 12.03.2026     Besuche: 61 Monat 
Datenschutz | aktualisiert mit kirchenweb.ch