Daniel Göring

Eine Aufgabe fürs Leben

Susanne Gysin (Foto: Daniel Göring)

Seit 35 Jahren arbeitet Susanne Gysin auf dem Sekretariat der Kirchgemeinde in Olten. Was als Job begann, ist für sie zur Lebensaufgabe geworden. Obwohl bereits im Rentenalter, denkt sie nicht daran, die Arbeit aufzugeben.
Daniel Göring
Auf dem Schreibtisch von Susanne Gysin liegt ein Stapel an Blättern. Bei den mehrseitigen, mit einer Heftklammer zusammengehaltenen Papieren handelt es sich um Formulare. Das Bestattungs- und Inventuramt der Stadt Olten meldet mit diesen die Todesfälle von Personen, die der Evangelisch-Reformierten Kirche angehörten. Susanne Gysin hat als Sekretärin des Kirchenkreises Olten die Aufgabe, die Angaben aus den Formularen in das Bestattungsregister zu übertragen – und zwar von Hand.

Das Buch mit dem edel anmutenden, dunkelbraunen Einband gibt Auskunft über die Todestage aller verstorbener Mitglieder des Kirchenkreises bis zurück ins Jahr1873. Ähnliche Register führt Susanne Gysin für Trauungen, Taufen und Konfirmationen der Menschen aus Olten mit reformierter Konfession.

Mannigfaltigkeit und Menschlichkeit

Die Register mit den Lebensereignissen der Mitglieder nachzuführen ist nur eine von vielen Aufgaben, die Susanne Gysin wahrnimmt. Im Weiteren regelt sie mit ihrem 40-Prozent-Pensum die Vermietung der Räume in der Paulus- und der Friedenskirche, hat die Verwaltung der Schlüssel inne, erledigt Korrespondenz- und administrative Arbeiten und koordiniert die Inhalte für die Gemeindeseiten im monatlich erscheinenden Kirchenbote. Zudem nimmt sie am Telefon seelsorgerische und andere Anfragen entgegen, wenn die beiden Oltner Pfarrpersonen nicht erreichbar sind.

Es ist ein bunter Strauss an Tätigkeiten, die den Berufsalltag von Susanne Gysin prägen – seit mittlerweile 35 Jahren – eine lange Zeit in einer Zeit, in der die meisten Menschen nicht mehr lange an der gleichen Stelle bleiben. «Mir gefällt die Vielfalt der Aufgaben und der Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen», bekennt die Sekretärin mit einem leisen Lächeln. «Ich gehe auf die Leute ein und begegne ihnen mit Empathie, gerade, wenn sie sich in einer schwierigen Situation befinden, etwa nach dem Tod eines ihnen lieben Menschen.»

In ihrer Funktion als Sekretärin einer Kirchgemeinde hat Susanne Gysin die Kombination gefunden, die sie durch die Jahre mit persönlichen Hochs und Tiefs getragen hat: Mannigfaltigkeit und Menschlichkeit. So konnte die Aufgabe, die sie 1991 angetreten hatte, einer Knospe gleich aufgehen und sich zur farbenfrohen Blüte entwickeln. «Aus der Aufgabe ist für mich eine Berufung geworden – ich gehöre zur Reformierten Kirchgemeinde Olten», sagt sie mit einer Stimme, aus der Überzeugung spricht.

Persönlicher Kontakt wichtig

Verbunden mit der Kirchgemeinde Olten ist Susanne Gysin noch einiges länger, als ihr Arbeitsvertrag läuft. In den 1980-er Jahren war sie sowohl Mitglied des Kirchgemeinderates als auch der Kirchenkommission, wie der heutige Kirchenvorstand Olten-Stadt damals hiess. Ebenfalls mehr als drei Jahrzehnte lang wirkte Susanne Gysin als Freiwillige für den Besuchsdienst und leitete diesen, bis er in der Folge der Corona-Pandemie zum Erliegen kam.

In den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten auf dem Sekretariat hat Susanne Gysin manchen Wandel miterlebt, geprägt hauptsächlich durch die Digitalisierung. «Der Austausch mit den Leuten geschieht heute viel mehr über E-Mail und weniger in direkter Form, sei es persönlich oder am Telefon», hält Susanne Gysin fest. Was als Aussage des Bedauerns aufgefasst werden könnte, sei nicht so gemeint, beeilt sie sich hinzuzufügen: «Die Arbeit ermöglicht mir noch immer regelmässig persönlichen Kontakt zu Menschen, und diesen möchte ich nicht missen. Denn Menschen liegen mir am Herzen.» Auch wenn sie zugeben muss, ihre liebe Mühe zu haben mit Leuten, die ein Anliegen fordernd und fast schon in rücksichtsloser Form vorbringen. Aber glücklicherweise, fügt sie beruhigt lächelnd hinzu, handle es sich dabei um Einzelfälle.

«Bleibe noch ein wenig»

Wer sich mit ihr unterhält, spürt bei Susanne Gysin auch nach 35 Jahren auf dem Sekretariat nichts von Amtsmüdigkeit. Und obwohl sie bereits im Rentenalter steht, denkt sie noch nicht daran, in Pension zu gehen: «Ich habe hier nicht einfach einen Job, sondern eine Lebensaufgabe», betont sie und ergänzt: «Meine Arbeit gibt mir noch immer viel, deshalb möchte ich noch ein wenig bleiben.» Um nach einer winzigen Pause einen Vorbehalt anzubringen: «Wenn die Kirchgemeinde das auch will.»
Bereitgestellt: 06.07.2026     Besuche: 8 heute, 24 Monat 
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